GÖD-Forum 2019 Gewerkschaft der Pflichtschullehrerinnen und Pflichtschullehrer - Mehr Beziehung statt Ökonomie ins Bildungssystem

Anlässlich des seit 1994 zelebrierten UNESCO-Weltlehrertags am 5. Oktober, findet bereits traditionell das GÖD-Forum der Gewerkschaft der Pflichtschullehrerinnen und Pflichtschullehrer statt. Das Datum kommt nicht von ungefähr, wurde es doch festgelegt mit der am 5. Oktober 1966 verabschiedeten Charta zum Status der Lehrer. Sollte diese Charta einst die bedeutende Rolle der Lehrerinnen und Lehrer hervorheben, ist die Wirklichkeit heute jedoch eine andere. Das diesjährige GÖD-Forum widmet sich der Tatsache, dass das Bildungssystem zunehmend von Ökonomen, anstatt von Pädagogen geformt wird.

Zahlreiche Ehrengäste und Delegationen aus den Bundesländern folgen unserer Einladung zum diesjährigen GÖD-Forum der Gewerkschaft der Pflichtschullehrerinnen und Pflichtschullehrer am 3. Oktober. Paul Kimberger, Vorsitzender der Gewerkschaft Pflichtschullehrerinnen und Pflichtschullehrer geht nach der Begrüßung und Vorstellung der Ehrengäste sogleich auf das diesjährige Kernthema ein: Nämlich dem medialen Lehrerbashing, das durch die aktuelle OECD-Studie „Education at a Glance“ geschürt und von selbsternannten Bildungsexperten angeheizt wird. Von hohen Lehrergehältern und zu kleinen Klassen war da die Rede. Tatsächlich werden Pädagoginnen und Pädagogen bei neuen Bildungskonzepten nicht miteinbezogen, sollen aber am Ende eines in sich fehlgesteuerten Erziehungs- und Bildungssystems das Ruder herumreißen. Der gleichen Meinung ist Dr. Norbert Schnedl, Vorsitzender der GÖD. Bildung würde in den Medien oft zerrissen, beklagt Schnedl und stellt die Aussage eines sogenannten Bildungsexperten richtig: „Österreich hat laut einer aktuellen UNESCO-Studie nicht das zweitteuerste Bildungssystem in Europa, sondern liegt an 17. Stelle.“ Er plädiert für weniger Unwahrheiten in den Medien und für mehr Wertschätzung der Lehrerinnen und Lehrer für ihren Dienst an der Gesellschaft, auch von Seiten der Medien und der Politik. Abschließend betont Dr. Schnedl, dass Österreich durch den gut funktionierenden öffentlichen Dienst heute eines der reichsten Länder der Welt ist.

Den Höhepunkt des GÖD-Forums bildet der Fachvortrag „Deutschland verdummt – Österreich auch?“ des Kinder- und Jugendpsychiaters Dr. Michael Winterhoff. Mit seinen Erkenntnissen gibt er die wissenschaftliche Erklärung für die Misere unseres Bildungssystems aus entwicklungspsychologischer Sicht.

Die Kinder brauchen uns mehr denn je

Dr. Michael Winterhoff ist kein Pädagoge, mit Bildung hat er nichts zu tun, wie er von sich sagt. Er steht hier als Arzt, als Kinderpsychotherapeut und als jemand, der sich große Sorgen um unsere Gesellschaft macht. „Wir sind auf dem Weg ein Entwicklungsland zu werden“, stellt Winterhoff einleitend fest. Den Grund dafür verortet er in folgendem Zusammenhang: Durch die Reizüberflutung infolge der Digitalisierung befindet sich die Psyche von Erwachsenen im permanenten Katastrophenmodus. Dadurch sind sie orientierungslos und versuchen, dies durch ihre Kinder zu kompensieren. Diese werden aber durch die Verpartnerschaftlichung und oft geistiger Abwesenheit der wichtigsten Bezugspersonen in der Entwicklung ihrer sozialen-emotionalen Psyche gehindert. Nimmt man diesen Kindern durch Bildungssysteme, die auf das Antrainieren von Autonomie und Multitasking-Fähigkeit ausgelegt sind, dann auch noch im Kindergarten und der Schule die Bezugsperson, ist die Entwicklung bereits dramatisch.

In uns ruhen

Der permanente Stress infolge der digitalen Technik nimmt den Erwachsenen die Kontrolle über ihre eigene Psyche. Aber nur wenn man in sich ruht, ist man fähig, erst zu überlegen und dann zu handeln, sprich zu agieren. Was das aus unseren Kindern macht, erklärt Winterhoff mithilfe einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung. Demnach haben 50 % der Abiturienten keine Hochschulreife, sie können nicht einmal sinnerfassend lesen. Ein Drittel der Absolventen einer Hochschule kommt nicht durchs Praktikum in Unternehmen. Es wird beschrieben, dass sie an Selbstübereinschätzung leiden und es ihnen an Arbeitshaltung mangle. Der Psychotherapeut erklärt dazu, den jungen Erwachsenen fehle es an einer gut ausgebildeten emotionalen-sozialen Psyche, den sogenannten Soft Skills wie eben Arbeitshaltung, Priorisieren zu können, Arbeitsabläufe zu erkennen. „Ich muss priorisieren können, welcher Reiz wichtig ist: das Handy oder der Kunde, der vor mir steht“, fasst Winterhoff zusammen.

Psychische Funktionen wie etwa die Frustrationstoleranz, die Akzeptanz einer Fremdbestimmung oder eine Gewissensinstanz bilden sich nicht von alleine, sondern müssen eingeübt werden. Mit 18 Monaten sollte ein Kind Mensch von Gegenstand unterscheiden können. Mit 20 Monaten sollte ein Kind fremde von gewohnter Umgebung unterscheiden können. Mit 2 Jahren folgt die Erkenntnis, dass es Menschen gibt, die größer und stärker sind, man sich also nicht mit jedem anlegen sollte. Mit 2,5 Jahren ist die Selbstbildung abgeschlossen, dann folgt die Orientierung an anderen Menschen. Mit 5 Jahren kommt dann automatisch ein Interesse an Kulturtechnik; rechnen, lesen, schreiben. Mit 11 Jahren entsteht die Festigung von Freundschaften, vorher waren es lediglich Spielverabredungen. Mit 15 Jahren die Erkenntnis, dass die Eltern nicht unfehlbar sind. Mit 16 die Erkenntnis, dass man selbst Schwachpunkte hat. Erst danach geht man für sich in die Schule, ist ausbildungsfähig. „Ein fünfjähriges Kind, das gut entwickelt ist, benimmt sich im Restaurant automatisch, weil es erkennt, dass es in einer fremden Umgebung mit fremden Menschen ist. Es beginnt aus Beziehung zu handeln“, verdeutlicht Winterhoff. Ab dem 5. Lebensjahr sollte die soziale-emotionale Psyche eines Menschen soweit ausgereift sein, dass er aus Beziehung und sozialer Kompetenz, nicht aus Unterwürfigkeit und Gehorsam heraus handelt. Ist diese Entwicklung gestört, liegen Blockaden vor. Bis Mitte der 1990er Jahre lagen diese Blockaden meist an den Lebensumständen der Eltern. Seither ist aber mehr die Gesellschaft dafür ausschlaggebend. „Wir sind bei jeder Negativmeldung live dabei. Früher bekam das Gehirn eine Meldung herein und hat entschieden, betrifft mich das oder nicht. Heute bekommt es 10 Meldungen gleichzeitig herein und kann diese Flut nicht mehr filtern, es schaltet auf einen angstgesteuerten, diffusen Katastrophenmodus“, erläutert Winterhoff. „Wir sind durch die Technik nicht freier geworden, sondern im Gegenteil, wir rattern nur noch hinterher“, betont der Psychologe. Daraus wurden aus zwei auffälligen Kindern in der Grundschule einst, lediglich zwei unauffällige heute. Denn durch das Internet wurde der Erwachsene orientierungslos und kompensiert das an seinem Kind: Projektion. Dadurch dreht sich die Kind-Eltern-Position um, das 2jährige wird zum Erwachsenen, eine Entwicklung seiner Psyche ist nicht mehr möglich. Das Kind wird zur Kompensation fehlender Visionen des Erwachsenen. Der Erfolg des Kindes wird zum eigenen Erfolg, das Leben des Kindes zum eigenen Leben: Die Eltern befinden sich in einer Symbiose mit ihrem Kind. Das Kind lernt den Erwachsenen dann nicht als Menschen, sondern als beweglichen Gegenstand, und bleibt deshalb auf dem Entwicklungsstand von 16 Monaten stehen.

Psyche entwickelt sich durch Beziehung

Auf internationaler Ebene geben Ökonomen das Bildungssystem vor, das Kinder auf eine digitalisierte Wirtschaft und Multitasking vorbereiten soll, der Entwicklung der Psyche werde dabei kein Wert eingeräumt. „Man muss aber kein Kind auf eine Technik vorbereiten, wenn es eine gut ausgebildete Psyche hat, kommt die Fähigkeit dazu von alleine“, betont der Kinderpsychologe. Die Einführung des autonomen Lernens bewirkt nicht höhere Selbstständigkeit, sondern schafft lediglich die Bezugsperson ab. Allerdings: „Wenn ein Kind eine Hausaufgabe macht, macht es die nicht für sich, sondern aus Beziehung - für die Lehrerin. Also schaut sich das eine Lehrerin auch an, nicht als Kontrolle, sondern als Wertschätzung.“ Die Abschaffung der Beziehung sei aus tiefenpsychologischer Sicht eine Verwahrlosung. Das Tragische im Bildungswesen findet der Psychologe ist, dass es zu neuen Konzepten gar keine Untersuchung gibt. „Da hat jemand eine Idee, die gießt er mit der Gießkanne aus und fertig“, sagt er unter tosendem Beifall des Auditoriums. Winterhoff kritisiert, dass für diese Konzepte weder Pädagogen noch Entwicklungspsychologen miteinbezogen werden. Stehen Lehrer, die eigentlichen Experten, dagegen auf, werden sie als reaktionär und autoritär bezeichnet. Mit Autorität hat das aber nichts zu tun. Kinder brauchen Bindung und Beziehung und das geht nur über personenzentriertes Arbeiten, egal ob in der Gruppe oder alleine. „Ich fordere pro Gruppe höchstens 15 Kinder, zwei Lehrer und einen Erzieher“, zweitens müssen die Menschen in den Wald – ohne Smartphone –, denn die Natur ist unsere Erdung. Und drittens soll es keine digitalen Geräte in der Grundschule geben. Pausen sind für Beziehungen da. Viertens plädiert Winterhoff für Kultur und Esskultur und schließt: „Wir müssen einsehen, dass Bildung nicht Ideologie ist, sie gehört in die Hände von Fachleuten.“

Für diesen sehr aufschlussreichen Vortrag danken wir Herrn Dr. Michael Winterhoff herzlich. Ebenso bedanken wir uns für die Unterstützung dieses Abends durch unseren Hauptsponsor der ÖBV und den Österreichischen Lotterien für die Räumlichkeiten im Studio 44.