Geht der Respekt verloren? "Kinder sind schwieriger geworden"

Lehrer sind zunehmend mit rauen Umgangsformen und aggressiven Schülern konfrontiert Zahl der Sozialtrainings für Schüler verdoppelt, Konfliktlösungskurse bei Lehrern begehrt. Eines stellt Paul Kimberger, oberster Lehrervertreter Österreichs, unmissverständlich klar. "Die Situation an den Schulen ist für Lehrer in den vergangenen Jahren härter geworden. Die Kinder sind deutlich schwieriger geworden."Es fehle vielfach am notwendigen Respekt: "Werte wie Grüßen, Anstand, Pünktlichkeit, Genauigkeit und Leistungsbereitschaft sind abhanden gekommen."

Damit bestätigt der Lehrervertreter ein gesellschaftliches Phänomen, das die OÖN am Samstag aufgegriffen haben: den Trend zur Respektlosigkeit. Die Polizei berichtet über ein Drittel mehr Fälle von Widerstand gegen die Staatsgewalt, Sanitäter klagen über ein steigendes Aggressionspotenzial der Patienten, Gastronomen über Wutausbrüche der Gäste.

Respektlosigkeit der Eltern

In der Schule sind die Lehrer zunehmend mit aggressiven Kindern konfrontiert. Sie müssen sich gegen Beschimpfungen, obszöne Gesten oder gar tätliche Angriffe wehren. Doch die Sanktionsmöglichkeiten sind begrenzt: "Derzeit gibt es als Mittel Ermahnung, Zurechtweisung, Lob und Tadel sowie das Elterngespräch", sagt Landesschulratspräsident Fritz Enzenhofer. Doch die Eltern sind nicht immer eine Hilfe: Respektloses Verhalten gegenüber den Lehrern gebe es auch bei den Eltern, sagt Enzenhofer.

Viele Lehrer versuchen nun, das Sozialverhalten ihrer Klassen mit Workshops zu verbessern. Solche Kurse bietet etwa das "Institut für Soziale Kompetenz" an. Ihre Zahl hat sich binnen eines Jahres fast verdoppelt: Sie stieg von 400 (2014/15) auf 700 (2015/16). "Der Bedarf wäre weit höher", sagt Vorstand Peter Leeb. Auch in der Lehrer-Weiterbildung sind Kurse zum Konfliktmanagement begehrt: "Aus einer Befragung wissen wir, dass vor allem bei jüngeren Kollegen der Umgang mit Konflikten ein Megathema ist", sagt Herbert Gimpl, Rektor der Pädagogischen Hochschule (PH) Oberösterreich. Dass die Zahl der verhaltensauffälligen Schüler steigt, bestätigt Andreas Girzikovsky, Leiter der Schulpsychologie am Landesschulrat. Grund sei unter anderem eine zunehmende Orientierungslosigkeit der Jugendlichen: "Sie wissen oft nicht mehr, welches Verhalten angemessen ist." Er bemerkt auch einen Rückgang der "Redekultur, die über Smalltalk hinausgeht": "Gespräche sind aber wichtig zur Selbstentwicklung."

Im Studium wird den zukünftigen Lehrern gezeigt, wie sie sich Anerkennung verschaffen können, sagt Franz Keplinger, Rektor der PH der Diözese. Einerseits werde versucht, die Persönlichkeit der Studenten durch Reflexion zu stärken. "Zum anderen werden Konflikte aus der Schulpraxis intensiv nachbesprochen."

Lehrervertreter Kimberger wünscht sich allerdings mehr Sanktionsmöglichkeiten: "Wenn es keine Einsicht bei Kindern und Eltern gibt, müssen auch restriktive Maßnahmen möglich sein." Er fordert Strafen vom Sozialdienst für Schüler bis zur Verwaltungsstrafe für Eltern.