Schule im Lockdown - Was Lehrerinnen und Lehrer bewegt

Seit fast zwei Wochen sind die Schulen auf Distance-Learning umgestellt. ORF.at hat sich bei jenen umgehört, die den Schulbetrieb aufrechterhalten, aber relativ selten zu Wort kommen: den Lehrerinnen und Lehrern. Zu schaffen machte ihnen vor allem die kurzfristige Umstellung des Schulbetriebs. Nicht alle Herausforderungen würden sich allein mit Eigeninitiative, Engagement und enormem Mehraufwand stemmen lassen. Es gebe aber auch deutliche Fortschritte gegenüber dem Lockdown im Frühjahr.

Um ein Stimmungsbild an den Schulen zu zeichnen, flossen Statements von rund 20 Lehrpersonen aus unterschiedlichen Schulformen und verschiedenen Bundesländern ein. Diese äußerten sich schriftlich zu der Frage, was die größten Herausforderungen im derzeitigen Schulalltag seien – aber auch, was gut funktioniere.

Egal ob die Befragten die Entscheidung zum Distance-Learning an allen Schulen begrüßen oder eher ablehnen, in einem Punkt waren sich fast alle einig: Man erfuhr darüber am Samstag aus den Medien, dass ab Dienstag der Unterricht umgestellt werde, und hatte kaum Zeit, den Umstieg „umsichtig zu gestalten“, wie es eine Lehrerin formuliert. Mehrere Lehrkräfte schildern, das ganze Wochenende durchgearbeitet zu haben, um einerseits Lehrmaterialien fertig zu haben, aber andererseits auch, um den notwendigen Organisations- und Kommunikationsaufwand zu bewältigen.

Kaum in Diskussion eingebunden

Geschildert wird zudem das Problem, dass es oft nicht möglich war, alle seine Klassen am letzten verbleibenden Schultag am Montag noch zu sehen. Man habe damit auch keine Chance gehabt, den Schülerinnen und Schülern Klarheit über die weitere Vorgangsweise zu vermitteln. Das wäre für die Stabilität der Kinder in „dieser sehr unklaren Zeit“ sehr wichtig gewesen, meint eine Lehrerin einer Mittelschule in Wien, die auch in Deutschförderkursen für außerordentliche Schülerinnen und Schüler beschäftigt ist.

Beklagt wurde nicht nur, zu spät informiert worden, sondern auch in die öffentliche Diskussion nicht eingebunden gewesen zu sein: Politiker, Ärzte, Mathematiker und Elternvertreter hätten „sehr angeregt über die weitere Vorgehensweise bezüglich der Schule diskutiert“, heißt es in einer Rückmeldung derselben Pädagogin. Lehrerinnen und Lehrer seien aber kaum zu Wort gekommen.

Zwischen Vorgaben und Eigenverantwortung

Einige der Vorgaben durch die Politik wurden immer wieder als „realitätsfremd“ beschrieben. Handlungsanweisungen seien teilweise unmöglich einzuhalten. Und zu schaffen macht den Schulen nach Schilderungen der Lehrerinnen und Lehrer auch die Frage, wer was entscheidet und verantwortet: Bei der Frage der Schulautonomie meinen die einen, einiges an Verantwortung würde an Schulen „abgewälzt“, andere beklagen, dass Vorgaben gemacht würden, die lokal und autonom besser entschieden werden könnten.

Enorm gesteigerter Arbeitsaufwand

Der Arbeitsaufwand sei derzeit jedenfalls ungleich höher, heißt es fast unisono. Von bis zu 70 Arbeitsstunden pro Woche sprechen einige der Befragten: Unterrichtsmaterialien müssten völlig neu gestaltet werden, Kritik gibt es auch teilweise an den bereitgestellten Materialien der vom Ministerium empfohlenen Lernplattformen.

Vor allem aber wird der Kommunikationsaufwand als besonders groß beschrieben: Arbeitsaufträge müssten möglichst genau formuliert werden, dann wiederum brauche es mehr Zeit, allen Feedback zu geben und Ergebnisse „zu kontrollieren, zu bewerten und die fehlenden Dinge einzufordern“. Im normalen Schulalltag funktioniere das mündlich meist schnell. Und für Klassenvorstände steige die Organisationsarbeit noch einmal stärker.

Auch die Arbeitszeit werde entgrenzt: „Durch den Wechsel auf digital endet unser Arbeitstag praktisch nie“, schreibt eine AHS-Lehrerin. Schüler und Schülerinnen wie auch Eltern würden sich „spät am Abend und am Wochenende mit Abgaben und auch mit zum Teil wichtigen Fragen“ melden. „Wir wollen auch jetzt Unterricht halten, der begeistern kann; wissen aber oft nicht, wie und wo wir das auch noch unterbringen sollen.“

Doppelbelastung und fehlende Unterstützung

Mehrere Lehrerinnen weisen darauf hin, dass sie selbst im Homeoffice noch ihre eigenen Kinder zu betreuen und zu unterstützen hätten. Unter denjenigen, die wiederum in Schulen präsent sind, wird die schwierige Gratwanderung beklagt, einerseits Schüler betreuen zu müssen und andererseits gleichzeitig Fernunterricht abzuhalten.

Kritik wird auch daran laut, dass Lehrerinnen und Lehrer, insbesondere solche mit Vorerkrankungen und schwangere Kolleginnen, zu wenig geschützt würden. Auch wer ein Familienmitglied habe, das einer „Risikogruppe“ angehört, gehe mit einem mulmigen Gefühl in die Schule, meint eine AHS-Lehrerin aus Niederösterreich. „Das gilt aber nicht für alle. Und dieser Konflikt bzw. die nervliche Belastung schwingt subtil durchgehend im LehrerInnenzimmer mit“, heißt es von einem Lehrer aus Wien.

Privatgeräte und Schulen als „analoge Riesendinosaurier“

Weiterhin eine große Herausforderung sei die technische Ausstattung, hieß es von vielen Seiten – und das bei Schülern und Schülerinnen, beim Lehrpersonal und vor allem auch in den Schulen. Die Lehrerinnen und Lehrer beklagen, ihre Privatgeräte verwenden zu müssen, von den Schulen würden sie auch angehalten, das zu tun. Für ein „sinnvolles“ Arbeiten sei es teilweise nötig gewesen, für die Anforderungen das private IT-Equipment auf eigene Kosten aufzurüsten. Und dazu kämen freilich auch Internetkosten im Homeoffice und Telefonrechnungen – vor allem für Gespräche mit Eltern.

Mangelhaft wird häufig die Ausstattung in den Schulen selbst beschrieben: „Unsere Schulen sind analoge Riesendinosaurier, die nie digitalisiert wurden“, meint eine AHS-Lehrerin. Und wenn das passiert sei, dann „billig“. Beklagt werden häufig unzureichende Internetverbindungen: Kinder, die zur Betreuung in die Schule kommen müssen, könnten „meist nicht an ihren online gestellten Aufträgen arbeiten oder an Videokonferenzen teilnehmen“, schildert eine andere AHS-Lehrerin die Situation. Die Schule werde damit zu einem reinen „Aufbewahrungsort“.

Viele Kinder ohne Geräte

Mehrere Lehrerinnen und Lehrer schildern, dass der Bedarf an Laptops für Schüler bei Weitem nicht gedeckt sei. Während bei einigen Schulen Leihgeräte flächendeckend verteilt wurden, heißt es aus anderen, der Bedarf sei viel höher, als es Zusagen aus dem Ministerium bzw. der Bildungsdirektion gab.

Erst am Wochenende vor dem Lockdown sei aus dem Ministerium die Anfrage nach Bedarf an Leihgeräten gekommen, schildert eine AHS-Lehrerin aus Niederösterreich: „Die Erhebung der Klassenvorstände ergab einen Bedarf von 75 Geräten, zugesagt wurden von der Bildungsdirektion zehn.“ Und mehrfach wird berichtet, dass die zugesagten Geräte bis zum Beginn des Lockdowns nicht angekommen seien. Auch die Internetanbindung bei den Schülern zu Hause wurde mehrfach als Problem genannt.

Sozial Schwache besonders betroffen

Sozial schwache und aus bildungsfernen Milieus kommende Kinder werden, wenig überraschend, als jene Gruppe beschrieben, die am meisten unter der Situation leidet. Dabei gehe es nicht nur um technische Fragen, sondern auch um einen „Arbeitsplatz“ zu Hause und Unterstützung durch die Eltern. Vor allem für Familien mit mehreren schulpflichtigen Kindern würden sich große Probleme ergeben, schließlich brauche jedes Kind ein internetfähiges Endgerät.

Schwierig sei es, so mehrere Rückmeldungen, bei Kindern in neuen Schulsituationen, also etwa in der ersten Klasse Volksschule und der ersten Klasse Mittelschule und Gymnasium. Die Zehn- bis Elfjährigen seien oft „mit der Lernplattform noch überfordert“, schreibt eine Lehrerin. Maturaklassen würden schon jetzt auf die – verschobene – Zentralmatura schielen, in polytechnischen Schulen macht man sich besonders Sorgen, wie sich die Jobsituation demnächst darstelle.

Organisatorische Herausforderung für Kinder

Viele Zehn- bis 16-Jährige würden mit den organisatorischen Herausforderungen kämpfen: So seien pro Woche zehn bis 15 „verschiedene Arbeitsaufträge aus den unterschiedlichen Fächern zu erledigen, unterschiedlicher Art, oft mit unterschiedlichen Abgabeterminen und –modalitäten“, schreibt eine AHS-Lehrerin. Das sei für manchen Erwachsenen schon schwierig.

Und man habe schon im ersten Lockdown gemerkt, dass trotz enormem Vorbereitungsaufwand oft vom Stoff wenig hängen bleibe – vor allem in den Nebenfächern, ergänzt eine Kollegin. Umgekehrt würden einige Schüler auch den Leistungsdruck beklagen – und die Frage der Beurteilung von Leistungen sei auf beiden Seiten derzeit ungeklärt und sorge natürlich für Unruhe.

Pubertierende seien auch mitunter schwer zu motivieren, ihnen fehle der intensive soziale Austausch, meinte eine andere Lehrperson: „Ich finde, es gibt zu wenig Bewusstsein dafür, dass das Herausreißen aus einer so wichtigen Entwicklungsphase prägend ist.“ Gerade in „Brennpunktschulen“, aber nicht nur dort, brauche es „flächendeckende SchulpsychologInnen, SozialarbeiterInnen, mehr Lehrpersonal, die Arbeit im sozialen Bereich ist gerade wichtiger denn je“, sagt ein Lehrer. Von einer AHS in Niederösterreich wird berichtet, dass Lehrkörper und Eltern die Schulsozialarbeiterin aus eigener Tasche finanzieren.

Fehlende Stabilität und psychische Folgen

Betont werden die psychischen Folgen für alle Kinder und Jugendlichen: Das einsame Lernen zu Hause tue vielen nicht gut, das habe man im ersten Lockdown bemerkt, schreibt eine Lehrerin; und eine andere: „Je jünger, desto verunsicherter waren die Kinder.“ Sie seien zwar tapfer gewesen, „aber kindlich unbekümmert sind sie erst nach Wochen wieder geworden. Sie brauchen Erwachsene, die ihnen Sicherheit geben. Ein Teil ihres Urvertrauens ist beschädigt worden und wird weiter beschädigt. Wir können nicht absehen, was diese Unsicherheit aus dieser Generation macht.“ #

Auch eine andere Lehrerin äußert solche Sorgen und befürchtet, „dass dieses Jahr in der Schullandschaft und vor allem bei SchülerInnen tiefe Spuren“ und Kollateralschäden, die „letztlich alle Generationen betreffen“, hinterlassen wird. Und eine weitere Lehrerin meint: „Unterricht in der Schule ist für viele Kinder und Jugendliche eines der Dinge, die ihnen derzeit viel Stabilität gibt.“ Vor allem aus diesen Gründen plädierten mehrere Lehrkräfte für regelmäßigen Präsenzunterricht mit Kleingruppen statt vollständigem Distance-Learning.

Funktionierende Plattformen – dank Eigeninitiative

Aber auch Positives wissen die Lehrerinnen und Lehrer zu berichten: Gegenüber dem Lockdown im Frühjahr habe man deutliche Fortschritte gemacht und sei jedenfalls besser vorbereitet gewesen: Dass man einzelne Schüler gar nicht mehr erreiche, komme kaum mehr vor, die Vernetzung per E-Mail und Telefon sei sichergestellt worden. Vor allem aber seien die Schulen praktisch durchgängig in Sachen Lernplattformen gerüstet gewesen. Gleichzeitig wird aber betont, dass das vor allem engagierten Schulleitungen und Lehrerkollegien, teils mit Unterstützung durch besonders engagierte und technisch versierte Kolleginnen und Kollegen, zu verdanken sei.

Ausnahmesituation als Brennglas

Zwar wird vereinzelt berichtet, dass die eine oder andere Plattform weiter instabil laufe, im Wesentlichen habe man jetzt aber brauchbare Tools. Zurückhaltender formuliert es ein Lehrer: „Wo das im Frühjahr noch komplettes Neuland war, wagen gerade die meisten Beteiligten erste vorsichtige Schritte.“ Andere berichten, dass man schon gewisse Routinen habe und auch didaktisch weiter sei – wenn auch zumeist in Eigenregie und ohne große Fortbildungen. Relativ einig sind sich die Befragten, dass die Ausnahmesituation als Brennglas wirkt: Immer schon bestehende Probleme würden dadurch deutlich verstärkt. Wenig verwunderlich ist die Wunschliste an die Politik lang. Bildung dürfe nicht Spielball der Politik sein und brauche einen höheren Stellenwert in der politischen Debatte – und nicht zuletzt mehr Geld.

Christian Körber, ORF.at

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