OÖNachrichten SAMSTAG, 12. SEPTEMBER 2020 ,,Infektionsfälle auch in den Schulen"

VON CHRISTOPH KOTANKO 

Seit drei Jahren gehört der Geograf Heinz Faßmann (65) der Bundesregierung an. Die ÖVP nominierte den parteilosen Politiker als Bildungsminister. Parteichef Sebastian Kurz vertraut seit langem auf den gebürtigen Deutschen, der ihn schon als Integrations- Staatssekretär beriet. Im OÖNachrichten- Interview nimmt Faßmann zur aktuellen Situation an den Schulen Stellung.

OÖNachrichten: Was bedeuten die aktuelle Ampel-Schaltung und die bundesweiten CoronaMaßnahmen für die Schulen?

Heinz Faßmann: Die Corona-Kommission hat die Empfehlung ausgesprochen, sieben Bezirke und Städte auf Gelb zu stellen. Für die Schulen übernehmen wir diese Empfehlung selbstverständlich. Die Maßnahmen der jeweiligen Ampelfarbe sind in den Schulen seit Langem klar. Außerhalb des Klassenzimmers wird die Maske aufgesetzt. Das empfiehlt die Corona- Kommission derzeit auch schon bei der Farbe Grün. Im Unterricht oder im Pausenhof gilt aber keine Maskenpflicht. Bei Gelb finden Sport und Musikunterricht unter besonderen Hygieneaullagen statt.

Nächste Woche beginnt die Schule in Oberösterreich und fünf anderen Bundesländern. Aus Ostösterreich liegen bereits Erfahrungen vor. Wie sind diese zu bewerten?

Der Schulstart in Ostösterreich erfolgte ohne große Komplikationen, darüber bin ich sehr froh. Alle, die Kinder wie die Lehrer, haben sich vernünftig an die Regeln gehalten. Ich habe das selbst in einer Schule beobachtet. Aber wir werden unzweifelhaft in den kommenden Wochen auch in den Schulen Infektionsfälle haben.

Es gab ja schon die ersten Verdachtsfälle.

Ja, aber dazu muss man sagen, dass von den Verdachtsfällen nach aller Erfahrung nur zwei bis drei Prozent positiv getestet werden. In den meisten Fällen stellt sich der Alarm als Fehlalarm heraus. Meine Botschaft lautet also: Ruhe bewahren! Wir haben die Abläufe gut in den Grtff bekommen, die Schulen sind darauf bestens vorbereitet.

Von Lehrergewerkschaftern kamen kritische Anmerkungen zur Öffnung der Schulen. Wie gehen Sie damit um?

Ich höre mir ihre Argumente genau an und versuche sie zu bewerten. Auf der einen Seite gibt es die Skepsis der Lehrergewerkschafter, auf der anderen Seite das Recht auf Bildung der Kinder - auch dafür haben wir eine gewisse biografische Verantwortung. Ich möchte bei dieser Güterabwägung eine Balance zwischen Gesundheitsschutz und Recht auf Bildung halten.

Sind die heimischen Schulen heute besser vorbereitet als im vergangenen Frühjahr beim Ausbruch der Pandemie?

Ja. Es gibt laufende Investitionen in die Breitbanderschließung der Schulen, in WLAN-Ausstattung und Leihgerät, die über die Schuldirektionen verteilt werden. Ende September geht ein digitales Portal online, dann werden alle Schulen vollkommen anders im Netz auftreten. Das digitale Klassenbuch, das digitale Mitteilungsheft, eine Lernplattform pro Schule oder der Zugang zu Unterrichtsmaterialien werden unter dem Dach „Portal digitale Schule" angeboten. Ein umständlicher Zugriff mit vielen Logins wird der Vergangenheit angehören. Das wird zeigen, dass wir uns dem Digitalen sehr viel stärker zugewendet haben als vorher.

Lehrerinnen und Lehrer, die zur Risikogruppe gehören, müssen nicht in der Schule unterrichten. Ist diese Gruppe groß?

Nein, sie macht nach derzeitigem Stand unter drei Prozent der Lehrerschaft aus. Diese Bestimmung wird nicht ausgenützt: Wer Lehrer wird, ist letztlich Idealist und gerne in diesem Beruf.

Lehrerinnen und Lehrer klagen über zu kleine Lehrerzimmer. Abstandhalten ist kaum möglich, die Durchlüftung aus baulichen Gründen schlecht - eine Folge der Baupolitik in den vergangenen Jahrzehnten. Was tun Sie gegen dieses Problem?

Die Raumsituation in älteren Schulgebäuden ist tatsächlich schwierig. Aber Lehrer verweilen dort zumeist nicht lange, und sie können natürlich eine Maske tragen, wenn es eng wird. Digitale Konferenzen sind ohne weiteres möglich. Im Schulneubau achten wir darauf, dass es mehrere und gut ausgestattete Arbeits- und Aufenthaltsräume gibt.

Auch für die Ganztagsbetreuung, die viele Eltern fordern, gibt es räumliche Voraussetzungen. Wird daran gearbeitet?

Man braucht dafür die entsprechende bauliche Umgebung. Der Anteil der Ganztagsbetreuung nimmt zu, wir unterstützen das auch durch Investitionen beim Neubauprogramm. Ich bin aber ein Vertreter des differenzierten Schulsystems: Wir haben öffentliche und private Schulen, solche, die traditionell um 14 Uhr schließen, und andere mit Ganztagsbetreuung. Wir haben alles; die Wahlfreiheit finde ich gut.

Vor dem Sommer war viel die Rede von einer „verlorenen Schülergeneration". Sehen Sie diese Gefahr?

Das war eine medial überspitzte Debatte. Die Schüler haben viel gelernt: Selbstorganisation beim Lernen, die Bedeutung der persönlichen Unterweisung, die Möglichkeiten des digitalen Lernens. Und die Eltern haben erfahren, wie wichtig und nützlich der schulische Unterricht ist, auch für die Organisation des eigenen Lebens. Das hatte vielleicht nicht immer etwas mit dem formellen Lehrplan zu tun. Aber fürs Leben haben alle viel gelernt.