Lernsieg-App steht trotz Gegenwind vor Expansion

Die Lehrerbewertungs-App Lernsieg ist ein Jahr nach dem Start nach wie vor umstritten. Der junge Gründer hegt indessen große Pläne und sagt: „Ich will mich nicht unterkriegen lassen."

Schon von „KindSieg" gehört? Das ist eine Plattform. auf der Lehrer Kinder öffentlich mit Sternen bewerten können. Wie es auf der Website heißt. setzt man dort an, „wo es wehtut", und zwar bei der Familienbeihilfe. Diese werde bei schlechter Bewertung gekürzt oder gar gestrichen. Freilich handelt es sich dabei um ein Satireprojekt. Die Macher spielen damit auf eine App an, die vor etwa einem Jahr hohe Wellen in der Schullandschaft geschlagen hat.

Im November 2019 stellte der damals 17-jährige Schüler Benjamin Hadrigan die Plattform Lernsieg vor, mit der Schüler ihre Lehrer und Schulen mit bis zu fünf Sternen bewerten können. Lehrergewerkschafter liefen Sturm und reichten Klagen ein, Eltern- und Schülervertreter zeigten sich skeptisch. Nach Hassnachrichten an den Gründer ging die App offline. Wenige Monate und mehrere Bescheide der Datenschutzbehörde später wurde die Plattform wieder in Betrieb genommen. Kürzlich wurde eine neue Version veröffentlicht - mit Kommentarfunktion, einer wöchentlichen Trendkurve für Lehrer und der Möglichkeit, bis zu zehn Pädagogen und Schulen zu vergleichen.

Nun gab es erneut einen Tiefschlag für das junge Start-up: Lernsieg erhielt einen Negativpreis zum Datenschutz. den Big Brother Award. Dieser wird jährlich von q/uintessenz, dem Verein zur Wiederherstellung der Bürgerrechte im Informationszeitalter, verliehen. „Wir prüfen rechtliche Schritte, um gegen den Award zu klagen", sagt Benjamin Hadrigan den SN. Die Kritik der Jury, die App veröffentliche ohne Zustimmung der Lehrer Bewertungen, kann der mittlerweile 18-jährige Gründer nicht nachvollziehen. „Wir haben fünf Bescheide der Datenschutzbehörde, dass die App rechtens ist. Wer sagt, es ist verboten, Transparenz in der Schule zu schaffen?"

Während die Datenschutzbehörde grünes Licht gegeben hat, ortete das IT-Unternehmen Sec-Research Sicherheitslücken. So sollen die von den Schülern abgegebenen Bewertungen nicht anonym und nicht vor Manipulation geschützt gewesen sein. Darauf habe man sofort reagiert, sage Hadrigan. Nun müssten die User ihre Telefonnummer angeben, bevor sie einen Code via SMS erhielten. Zuvor war es umgekehrt - die Nutzer sendeten den Code per SMS an den App-Service. Laue SecResearch sei es einfacher, einen Absender zu fälschen als eine empfangene Textnachricht.

Auf den Downloadseiten fällt die Bewertung der App bescheiden aus. lm App Store erreicht Lernsieg 2,3 von fünf Sternen, im Google Play Store nur 1,8, Doch die App wird nicht nur aus datenschutzrechtlichen Gründen kritisiert. Vor allem die Gefahr von „Lehrer-Bashing" am öffentlichen Pranger wurde von den Lehrergewerkschaftern ins Feld geführt. 2019 betonte Hadrigan noch gegenüber den SN: „Es gibt keine Kommentarfunktion. So können die Schüler keinen freien Text verfassen und somit auch keinen Shitstorm erzeugen." Warum das Update nun doch diese Funktion aufweise, liege am Feedback der Lehrergewerkschaft, sagt der Gründer. „Man hat uns über die Medien ausrichten lassen, nur eine verbale Beurteilung sei aussagekräftig. Das haben wir umgesetzt."

Paul Kimberger, Vorsitzender der Lehrergewerkschaft, sieht darin jedoch keine Verbesserung. „Es ist fast noch schlimmer. Mehrere Klagen von Lehrern stehen an, bald wird das erste Urteil erwartet." Zu einem Austausch zwischen Hadrigan und Kimberger ist es nach wie vor nicht gekommen, wie beide bestätigen. „Wir haben mehrmals angefragt, aber man verweigert uns ein persönliches Gespräch", sagt Hadrigan. „Ich wünsche mir Kommunikation auf Augenhöhe." Kimberger betont den SN gegenüber grundsätzliche Bereitschaft zum Austausch: „Aber da bei Herrn Hadrigan kein Interesse besteht, die App in ihren Grundzügen zu ändern, erübrigt sich ein Treffen." Er halte nichts von auf Sternen basierenden Bewertungen von Unterricht. „Schulbildung ist keine Pizzabestellung", sagt Kimberger. Zudem gebe es bereits Bewertungsinstrumente, etwa für höhere Schulen, „die hervorragend funktionieren". Hier stimmen die Macher der Satireseite KindSieg mit ein, die anonym bleiben wollen: “ Schule ist kein Dienstleistungsgewerbe. Es braucht schulinterne Lösungen."

Der Gegenwind kommt aus vielen Richtungen. Die Bundesschulsprecherin Alexandra Bosek etwa sagt: „Wir fordern konstruktives Feedback, das auf Stärken und Schwächen eingeht." Das sehe man bei der App nicht umgesetzt. Auch Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) sei noch nicht zu einem Treffen bereit gewesen. sage Hadrigan. Doch der 18-Jährige wolle sich nicht unterkriegen lassen. Obwohl die App viel Staub in der heimischen Schulpolitik aufgewirbelt bat, hegt Hadrigan Expansionspläne. So stünden Versionen für Frankreich und England, die über Tochtergesellschaften geführt werden sollten, vor dem Start. Im November gebe er Details bekannt. Ebenso wolle Lernsieg - wie während des Lockdowns im Frühjahr – ein Nachhilfeangebot schaffen. Das Unternehmen wolle künftig aber auch Einnahmen erzielen. Das solle über den Verkauf eines Produkts erfolgen - welches, könne Hadrigan noch nicht verraten. Aber er bestätigte vorab: „Die App bleibt für die Nutzer gratis."

SIMONA PINWINKLER WIEN.