06.08.2020 - Schreiben an BM Univ.-Prof. Dr. Heinz Faßmann

Sehr geehrter Herr BM Univ.-Prof. Dr. Heinz Faßmann
Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung Minoritenplatz 5
1010 Wien

Wien, 6. August 2020

Sehr geehrter Herr Bundesminister, es ist schon bemerkenswert, wie gut die österreichische Schule und mit ihr die österreichischen Schülerinnen und Schüler die erste Phase der Corona-Pandemie bewältigt haben. Von Anfang des Lockdowns an gelang der Umstieg auf Homeschooling und Distance Learning und in weiterer Folge trug auch der erfolgreich umgesetzte Schichtbetrieb in unseren Schulen dazu bei, die dynamische Entwicklung rund um exponentiell ansteigende Infektionszahlen einzudämmen.

Dass das so gut geklappt hat, ist alles andere als selbstverständlich und zeigt das umsichtige und flexible Management in der Krise. Insbesondere unsere Schulleiterinnen und Schulleiter haben in dieser Situation gemeinsam mit ihren Lehrerinnen und Lehrern verantwortungsvoll und professionell die richtigen pädagogischen und organisatorischen Schritte gesetzt, um unsere Kinder und Jugendlichen mit ihren Eltern bestmöglich durch diese schwierige und herausfordernde Zeit zu bringen.

Allerdings war es nicht immer einfach, mit Ihren unzähligen Pressekonferenzen und Notverordnungen, die meist mehrfach und verspätet korrigiert und der schulischen Realität angepasst werden mussten, richtig umzugehen. Zuzuschreiben ist das wohl der Überraschung, der Aufregung und der Hektik, die das pandemische Virus in ganz Österreich und somit auch in Ihrem Ministerium und in den Bildungsdirektionen auslöste. Der damit verbundene Mangel an Kommunikation mit den Betroffenen erzeugt (nicht nur) bei mir Skepsis und Unbehagen, wenn Verantwortungsträger immer öfter demokratische Grundregeln missachten, medial einseitige gesetzliche Änderungen verkünden und nicht mehr auf bildungspolitische Erfolgskonzepte wie den schulpartnerschaftlichen Dialog setzen.

Die unerfreulichen Entwicklungen rund um die Cluster-Bildungen in Oberösterreich kurz vor den Sommerferien verdeutlichen einmal mehr, dass uns auch schulisch das Virus weiter intensiv beschäftigen wird und wir im September in eine zweite Phase der Corona-Pandemie gehen werden. Mit dieser Gewissheit erwarten wir uns von Ihnen, sehr geehrter Herr Bundesminister, eine Rückkehr zu einer vernünftigen, geordneten und vorausschauenden Planung und Gestaltung des neuen Schuljahres sowie eine intensive und professionelle Vorbereitung auf einen schwierigen Corona-Herbst.

  • Sinnvoll erscheinen eine zeitgerechte Einbindung und Information der Betroffenen beziehungsweise eine konstruktive Diskussion Ihrer schulischen Überlegungen im Sinne einer echten Schulpartnerschaft, noch bevor sie (medial) veröffentlicht werden.
  • Notwendig für einen geordneten Betrieb sind eine strukturelle Unterstützung durch medizinisches Fachpersonal bei der Früherkennung von Corona in unseren Schulen (Testungen) und rechtlich klare Richtlinien bei der Um- und Durchsetzung von Quarantänemaßnahmen.
  • Wichtig wären bundesweit einheitliche Masterpläne für den Ablauf von absehbaren Corona-Szenarien in unseren Schulen (Vollbetrieb, Schichtbetrieb, Schulschließung), um organisatorisch, pädagogisch und personell auf alle Eventualitäten des Infektionsgeschehens vorbereitet zu sein.
  • Unverzichtbar ist nach wie vor eine nachhaltige Aufrechterhaltung und Intensivierung der schulischen Hygiene- und Schutzmaßnahmen (Hände waschen und desinfizieren, Abstand halten, Mund-Nasen-Schutz verwenden, Reinigung schulischer Infrastruktur verstärken).
  • Nicht zuletzt sind eine merkbare pädagogische Entlastung statt permanenter Mehrbelastung aller schulischen Systeme und ein Verzicht auf sinnbefreite schulische Bürokratie (Monitoring) und inflationäre behördliche Befragungen längst überfällig, damit sich unsere Schulen auch unter den Umständen der Pandemie wieder stärker auf das Wesentliche konzentrieren können.

Sehr geehrter Herr Bundesminister, sehr geehrte Damen und Herren in den Bildungsdirektionen, nicht Anordnung, sondern sozialpartnerschaftlicher Dialog, sachliche Überzeugung und gegenseitige Wertschätzung sind die Werkzeuge, die sich in unserem Land seit Jahrzehnten bewährt haben – gerade in kritischen Situationen. Ich ersuche Sie höflichst, machen Sie davon wieder verstärkt Gebrauch und lassen Sie uns gemeinsam ein wohl überlegtes und gut gestaltetes Schuljahr 2020/2021 beginnen!

Herzlichen Dank und beste Grüße

Ihr

Paul Kimberger

Wien, 6. August 2020