Sind wir zu dumm für die Welt von PISA?

Die Vermessung unserer 15- und 16-jährigen Schülerinnen und Schüler findet still und leise statt. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), bei der auch Österreich Mitglied ist, führt die sogenannte PISA-Studie durch. Die hat nichts mit dem schiefen Turm zu tun, sondern ist ein "Program for International Student Assessment", also ein Projekt zur internationalen Schülerbewertung. Zwei Stunden lang werden in 140 österreichischen Schulen rund 6000 Jugendliche mit Fragen aus den Bereichen Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen gelöchert. Auf Basis der durchschnittlich erreichten Punktezahl wird dann eine Rangliste aller am Test teilnehmenden Länder (mehr als 70) erstellt. Die sorgt in Österreich jedes Mal für Aufregung. Je nach Ergebnis ist von Aufwärtsbewegung oder PISA-Schock die Rede. Die neue Unterrichtsministerin nannte das Resultat der jüngsten Untersuchung "inakzeptabel".

Was ist geschehen? Österreich hat sich wieder verschlechtert. Beim sinnerfassenden Lesen liegen wir deutlich unter dem Schnitt, in Naturwissenschaften im Mittelfeld und in Mathematik - welch ein Lichtblick - sogar leicht darüber. Aber, in allen drei Disziplinen schneiden wir punktemäßig schlechter ab als bei der vorangegangenen Prüfung. Jeder dritte Schüler zählt zumindest in einer Kategorie als Risikofall. Mädchen tun sich neuerdings schwerer als Buben. Es geht abwärts.

Sind wir zu dumm für die Welt? Oder sind wir nur zu dumm für die Welt von PISA? Haben wir noch immer nicht den Dreh herausgefunden, mit dem man in einem Milieu der Rankings (die besten Schulen, die reichsten Österreicher, die erfolgreichsten Chirurgen, die billigsten Adventglühweine, die beliebtesten Schauspieler, die leisesten Staubsauger etc.) ganz vorn landet? Solche Ranglisten provozieren in der Regel nicht Verbesserungen im System, sondern bestenfalls Strategien, um beim nächsten Test besser abzuschneiden.

Studien wie PISA wohnt eine verengte Sicht auf das Bildungswesen inne. Nehmen wir an, wir drillen die nächsten drei Jahre alle jetzt Zwölfjährigen ausschließlich in Lesen, Rechnen und Naturwissenschaften. Dann würden wir vermutlich einen fulminanten nächsten PISA-Test hinlegen. In allen anderen Bereichen würden wir zwar verblöden. Aber das ist in der Welt von PISA zweitrangig.

Dort regiert die Lust am Messen weniger Parameter. Auftraggeber ist eine Organisation mit wirtschaftlichen Zielen. Da geht es nicht um humanistische Weltbilder, soziale Kompetenzen, kulturelle Sensibilität oder staatsbürgerliche Verantwortlichkeit. Da geht es um ein Heer von gleich ausgebildeten, arbeitsamen, nichts hinterfragenden Bildungs-Ameisen. Es werden Absolventen gesucht, keine Persönlichkeiten.

Man sollte den PISA-Test als das nehmen, was er ist: ein Multiple-Choice-Test mit wenig Aussagekraft über das Leistungsspektrum einer jungen Generation insgesamt.

Jahrelang wurde Finnland als PISA-Musterknabe gefeiert. Jetzt reicht es nur noch für zwei vierte und einen sechsten Platz. Heute ist der diktatorische Staat Singapur das Maß aller Dinge, Rang eins in allen Disziplinen. Der Stadtstaat, in dem man verhaftet wird, wenn man auf der Straße einen Kaugummi ausspuckt, wird seine Methoden haben, um die Kinder PISA-fit zu machen.

Vieles in unserem Schulwesen ist verbesserungswürdig. Die Regierung arbeitet seit Jahrzehnten daran. Mit geringem Erfolg. Jetzt soll es mehr Autonomie für die einzelnen Schulen, mehr Kompetenzen für die Direktoren, bessere Ausbildung für die angehenden Pädagogen geben. Höchste Zeit. Aber alles in allem leisten die Lehrerinnen und Lehrer in diesem Land gute Arbeit. Österreich steht kulturell, wissenschaftlich und auch wirtschaftlich gut da. Und darauf legt die OECD ja viel Wert. Dass in einem Land mit 20 Prozent Migranten nicht alle gut lesen können, liegt auf der Hand. Daran muss man arbeiten. Aber deshalb eine ganze Generation von Schülerinnen und Schülern für schlechtes Mittelmaß zu erklären, das ist absurd.

PISA übt enormen Druck auf die Lehrer und die Schüler aus. Wir sollten uns dem entziehen, indem wir diese ganze Testerei nicht überbewerten. Nicht für PISA lernen wir, sondern fürs Leben.

Quelle: http://www.salzburg.com/nachrichten/meinung/standpunkt/sn/artikel/sind-wir-zu-dumm-fuer-die-welt-von-pisa-225691/