GÖD - Forum im Festsaal der österreichischen Lotterien

Am 5. Oktober 1994 hat die UNESCO, Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, erstmals den „Welttag der Lehrer/innen“ ausgerufen. Seither wird er in über 100 Ländern der Welt gefeiert. Traditionell wird dazu das GÖD-Forum im Festsaal der Österreichischen Lotterien mit renommierten Gastrednern abgehalten. Diesmal referierte die Psychotherapeutin, Ärztin für Psychosomatik, Gynäkologin, Dr. Martina Leibovici-Mühlberger in Anlehnung an ihr jüngstes Sachbuch über "Tyrannenkinder".

Das klingt bedrohlich. Und in gewisser Weise ist es das auch, denn der durchaus harte Begriff – Tyrannenkinder - steht für jene Kids, die durch ihr ausgesprochen selbstfixiertes, schwieriges Verhalten auffallen. Kein leichtes Los für unsere Lehrer und Lehrerinnen, denn die Liste an Negativeindrücken ist lang: mangelhafte soziale Einpassung, geringe Kritikfähigkeit gepaart mit leichter Kränkbarkeit, Aufmerksamkeitsmangel, Konzentrationsschwäche, mangelhafte Ausdauer und Durchhaltefähigkeit, rascher Interessensverlust, wenig Anstrengungsbereitschaft, Neigung zu passiver Unterhaltung gekoppelt an permanente Reizsuche und, und, und. Nicht genug damit. Die „Mängelliste“ wird vielfach von nur peripher ausgebildeten Sekundärtugenden begleitet. „Treue, Fleiß, Ordnung, Verbindlichkeit, Zuverlässigkeit, Konstanz, Kontinuität, Konsequenz und ähnliches sind bei diesen Kindern oft nur mangelhaft ausgebildet. Das ist mehr als bitter, denn all diese Eigenschaften sind maßgeblich dafür verantwortlich, ob diese Kids später einmal ein selbstständiges Leben führen werden können“, sagt Martina Leibovici-Mühlberger und hat in ihrer Praxis nahezu täglich mit derart auffälligen Kindern zu tun. „Immer mehr und immer jüngere Kinder werden auffällig. Und zwar so sehr, dass wir sie auf die psychotherapeutische Couch legen müssen. Wir haben sogar schon Vierjährige in Therapie.“ Mehr noch. 38 Prozent aller Kinder, die in einer Studie befragt wurden, gaben an bis zu ihrem 18. Lebensjahr schon einmal ein schlimmes seelisches Problem gehabt zu haben. Dazu offenbaren sich auch schon in jungen Jahren etliche gesundheitliche Probleme. Bereits ein Drittel der Kinder hat deutliches Übergewicht. Ebenfalls ein Drittel leidet an Schlafstörungen und tritt abends regelmäßig bei den Eltern zur Medikamentenausgabe an. „Wir registrieren zudem in den letzten Jahren einen steilen Anstieg der ADHS-Raten, des Aufmerksamkeitsdefizits- und Hyperaktivitätssyndroms, auch Zappelphilipp-Syndrom genannt“, sagt die Ärztin und verweist auf erschreckende Zahlen aus Großbritannien. Verzeichnete man auf der britischen Insel 1998 um die 98.000 Fälle, waren es 2007 bereits 790.000. Und die Kurve geht weiter steil bergauf.

Der Hintergrund: Viele junge Menschen sind frustriert, lebensängstlich, unglücklich, depressiv. Vor diesem Hintergrund wird das Abgleiten in falsche Milieus und in Radikalisierungen erklärbar, „weil man den jungen Leuten dort nämlich wirklich sagt und zeigt, wo es langgeht.“ Resümee: Die Diagnose über Teile unseren Nachwuchs ist in höchstem Grad alarmierend. Und dennoch: „Es sind keine bösen Kinder, mit denen wir es hier zu tun haben. Sie sind vielmehr die lautesten Protagonisten der kindlichen Not. Sie führen uns vor Augen, dass in unserer Gesellschaft offenbar etwas faul ist. Unseren Kindern geht es schlecht. Nicht materiell, aber auf der psychosozialen und immer öfter auch auf der physischen Ebene. Diese Kids reflektieren eine Welt der Selbstfixierung, an der sie selbst am wenigsten schuld sind“, sagt Martina Leibovici-Mühlberger und lässt keinen Zweifel daran, wer oder was für diesen Zustand mitverantwortlich ist.

Zum einen ist es eine Gesellschaft, die über Jahrzehnte das Einzelindividuum in den Mittelpunkt gestellt hat. „Die historische Entwicklung hat in den letzten 25 Jahren eine Konsumgesellschaft globalen Zuschnitts hervorgebracht. Eine Gesellschaft, die ein neues Freiheitsgebot propagiert hat und dabei den eigentlichen, uralten Erziehungsauftrag, nämlich unsere Kinder ,fit for life‘ zu machen, völlig verdrängt oder ganz vergessen hat.

Eine Gesellschaft, die sich scheut, Grenzen zu setzen und klare Entscheidungen zu treffen. Die in Erziehungsfragen oft verniedlicht und beschönigt. „Wir haben es hier im Grunde mit einem Gesellschaftssystem zu tun, das unsere Kinder beim Aufwachsen stört, mitunter sogar zerstört.“

Und warum läuft in Erziehungsdingen heute so einiges in die falsche Richtung? Auch daran lässt die Psychotherapeutin keinen Zweifel: Es liegt vielfach an den Eltern. Eltern, die durchaus mit guten Absichten und gedopt mit Ratgeberliteratur bis zum Anschlag, nur das Beste für ihre Kinder wollen, dabei aber offenbar Grundsätzliches bei der Kindererziehung aus den Augen verloren haben. Einem falschen Paradigma gehorchend, gebärden sich Eltern zusehends als Kumpel, Freunde, Steigbügelhalter, die ihren Kindern zu jeder Zeit die größtmögliche Freiheit zugestehen. Alles im Dienste der optimalen Potenzialentfaltung, wobei die Kids von den Kumpels dann noch über alle Maßen gelobt werden. Du bist die Schönste, der Beste, du bist die Prinzessin, der Prinz. Das Kind wird unentwegt gelobt, Kritik gleich gar nicht in Erwähnung gezogen - mit fatalen Folgen aus pädagogischer Sicht. Martina Leibovici-Mühlberger: „Weil Eltern ihre Kinder vorsichtig bespielend begleiten, anstatt ihre Erziehungsaufgaben ernsthaft wahrzunehmen, führt das zu einer völlig fehlgeleiteten Selbstregulation des Kindes. Sie imponieren durch geringe Kritikfähigkeit, sind gleichzeitig aber leicht beleidigt. Kinder, die sich nicht mehr in dem, was sie tun, verlieren können und die um keinen Preis zurückstehen können. Damit ist die Gesellschaft ist drauf und dran einen homo sapiens bestialis‘ ins Rennen, sprich ins Leben zu schicken.“

Und wer ist schuld daran? „Auf jeden Fall nicht die Lehrer. Ganz im Gegenteil. Meiner Meinung ist das jene Berufsgruppe in Österreich, die einen Orden für ihren täglichen Dschungelkampf verdienen würde“, sagt Martina Leibovici-Mühlberger. Ihr war es im Rahmen des GÖD-Forums wichtig klarzustellen, dass man nicht alles, was in der Gesellschaft falsch läuft oder die Eltern verbocken, immer nur den Lehrern umhängen kann. „Es ist nicht Aufgabe der Lehrer Kindern soziale Grundkompetenzen zu vermitteln. Das ist Sache der Eltern. Es ist überhaupt erstaunlich, was Lehrer heutzutage ohnehin nebenbei so alles bewältigen müssen“, sagt Martina Leibovici-Mühlberger und plädiert in dem Zusammenhang einmal mehr für ein neues Menschenbild in der Erziehung. „Wir müssen uns klar darüber werden, was wir wollen. Wollen wir einen homo sapiens bestialis oder einen homo sapiens sozialis. Das ist von entscheidender Bedeutung für unsere Gesellschaft. Wie leben augenblicklich in der besten aller Welten, die wie bisher schaffen konnten und sind als Gegenwartsgesellschaft dennoch am Rande des Abgrundes angelangt. Wie stehen mit einem Bein an der Schwelle zur Hölle, mit dem anderen an der Pforte zum Paradies. Angesichts der gewaltigen gesellschaftlichen Umwälzungen kommt unseren Lehrern hier eine zentrale Rolle zu, sie sind die Schlüsselpersonen der Zukunft.“

Wir bedanken uns bei den ÖSterreichischen Lotterien und der ÖBV für die großa rtigeUnterstützung!